Der Sinn einer Kulturepoche liegt letztlich nicht darin, daß der Mensch in ihr zu immer größerer Wohlfahrt und immer größerer Naturbeherrschung gelangt, sondern daß er die Gestalt des Daseins und die menschliche Haltung hervorbringt, welche die Geschichte jeweils fordert.1 Die Gestalt des Daseins umspannt das Verhältnis von Welt und Person. Aus dieser Zuordnung ergibt sich das, was Gestalt der Welt genannt werden kann. Eine sinnhafte Weltgestaltung, und damit gleichsam eine seinsollende Gestaltung, setzt den Menschen in seinem personalen Sein voraus. Welt gestaltet somit nicht ein Subjekt oder ein Individuum, sondern der Mensch als Person.
Der heutigen Zeit ist eine zweifache Aufgabe gestellt. Zum einen geht es um die Daseinsgestaltung. Das menschliche Leben hat das zu werden, was es immer schon war und ist. […] Zum anderen besteht die Hauptaufgabe der Epoche darin, dafür sensibel zu werden, was die eigentliche Daseinsgestalt ist, die von der Geschichte gefordert ist. […] Die Zeit drängt zu dieser Entscheidung. Ohne die bewußt gefällte Entscheidung kann die Zeit ihre Aufgabe nicht erfüllen, weil der Weg schon das Ziel beinhaltet.
Alles wird also darauf ankommen, ob es dem Menschen gelingt, als Person zu leben und als solche diese Welt überhaupt zu gestalten. Das, was Welt ist, ist etwas, was sich der Mensch zunächst nicht denken kann. Sie wird durch die personale Tat des Menschen als Welt hervorgebracht. Es erfordert geistige Weitsicht, Wahrheitsliebe, Gerechtigkeitssinn, richtige Selbsteinschätzung und Liebe, um sie zu dem werden zu lassen, als was sie von Anbeginn gedacht ist und was in ihr immer schon angelegt ist.
1 Vgl. Romano Guardini: Kultur als Werk und Gefährdung, in: ders., Sorge um den Menschen, 1963, 28.