Börsig-Hover Forschung

Forschung

Meine Arbeit verbindet historische Quellenforschung mit philosophie-, theologie- und ideengeschichtlichen Fragestellungen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen und Gesellschaften Zeiten tiefgreifender Veränderung wahrnehmen, interpretieren und auf sie reagieren.

Zwischen Geschichte und Gegenwart

Mich interessieren besonders die Übergänge zwischen

  • historischer Wahrnehmungundspäterer Interpretation
  • InformationundGerücht
  • BeobachtungundDeutung
  • Wahrheitundihrer medialen Vermittlung
  • individueller Entscheidungundhistorischer Verantwortung

Diese Perspektive verbindet scheinbar unterschiedliche Forschungsfelder.

Romano Guardini

Romano Guardini im Profil, Schwarz-Weiß-Porträt
Romano Guardini (1885–1968), um 1950. Universitätsarchiv Tübingen, Foto zugeschrieben Arthur Gröger.

Die Gegenwart als Herausforderung

Ein zentraler Schwerpunkt meiner Arbeit ist Romano Guardini (1885–1968) und seine Deutung der Moderne, der „Gegenwart“.

Guardini beschäftigt sich mit einer Welt, in der traditionelle Ordnungen ihre Selbstverständlichkeit verlieren und neue technische, gesellschaftliche und politische Kräfte entstehen. Seine Texte fragen danach, was es bedeutet, in einer solchen Epoche Mensch zu sein, und wie Freiheit, Verantwortung und Orientierung unter veränderten Bedingungen möglich bleiben.

Besonders interessieren mich dabei die Fragen nach

  • Person
  • Freiheit
  • Verantwortung
  • Entscheidung
  • Wahrheit
  • Orientierung

Das personale Antlitz des Menschen. Eine Untersuchung zum Personbegriff bei Romano Guardini (Mainz 1987) erschließt Guardinis Personverständnis systematisch. Zeit der Entscheidung. Zu Romano Guardinis Deutung der Gegenwart (1990) verschiebt den Akzent stärker auf seine Geschichts- und Gegenwartsdeutung.

Die Frage nach der Person verbindet sich so mit der Frage nach der Zeit, in der diese Person handeln und entscheiden muss.

Wissenschaftliche Rezeption

Ein Buch wird Teil einer Forschungsgeschichte

Zur Erforschung Guardinis gehört nicht nur die Lektüre seiner eigenen Texte. Ebenso wichtig ist, wie seine Gedanken von der wissenschaftlichen Öffentlichkeit aufgenommen, interpretiert und weitergeführt wurden.

Deshalb dokumentiere ich auch die Rezensionen meiner eigenen Arbeiten, die unter dem Namen Lina Börsig-Hover erschienen sind. Über dreißig Besprechungen liegen vor, unter anderem in:

  • Theologisch-praktische Quartalschrift
  • Christlich-pädagogische Blätter
  • Tijdschrift voor Filosofie
  • Zeitschrift für katholische Theologie
  • Wissenschaftlicher Literaturanzeiger
  • Theologische Revue

Die Rezensionen sind nicht bloß bibliographische Nachweise. Sie zeigen, welche Fragen an Guardini gestellt wurden, welche Aspekte seines Denkens Aufmerksamkeit fanden und wie sich die Perspektive auf sein Werk verändert hat.

Alle Rezensionen nach Werk

Diplomatiegeschichte

Wahrnehmung, Information und Entscheidung

Ein zweiter Schwerpunkt liegt in der europäischen Diplomatiegeschichte des späten 19. Jahrhunderts: im Beziehungsgeflecht zwischen Wien, Berlin, Paris, London, St. Petersburg und Rom, und in der Frage, wie politische Wirklichkeit durch diplomatische Berichte wahrgenommen und vermittelt wurde.

Ein exemplarischer Forschungsgegenstand ist die Mayerling-Tragödie von 1889. Dabei geht es nicht allein um das Geschehen in Mayerling, sondern um eine erkenntnisgeschichtliche Frage: Wie wurde das Ereignis unmittelbar danach wahrgenommen, welche Informationen gelangten in diplomatische Kanäle, und wie wurden sie interpretiert?

Das diplomatische Europa 1887–1889

Dreibund
Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien
Das 1882 geschlossene formale Bündnissystem, das insbesondere die französische und russische Machtentwicklung berücksichtigte.
Mittelmeerabkommen
Großbritannien, Italien, Österreich-Ungarn
Die britisch-italienische Verständigung von 1887 und der Beitritt Österreich-Ungarns schufen ein weiteres Geflecht zur Bewahrung des Status quo im Mittelmeer und im Osmanischen Raum.
Rückversicherungsvertrag
Deutschland, Russland
Mit dem deutsch-russischen Vertrag von 1887 vervollständigte sich Bismarcks Bündnissystem.

So entstand ein System, in dem Russland eingebunden, Österreich-Ungarn abgesichert, Italien an Deutschland gebunden und Großbritannien diplomatisch angenähert werden sollte. Diplomatiegeschichte wird damit zur Geschichte widersprüchlicher Interessen, Informationen und Erwartungen.

Von der Depesche zur digitalen Gegenwart

Quellenkritik als Gegenwartsaufgabe

Hier liegt die Verbindung beider Forschungsfelder. Der Diplomat des 19. Jahrhunderts musste zwischen offiziellen Mitteilungen, vertraulichen Informationen, Gerüchten und eigenen Beobachtungen unterscheiden. Heute stehen wir vor einer strukturell ähnlichen, technisch aber radikal erweiterten Herausforderung.

Digitalisierung, soziale Medien, künstliche Intelligenz, globale Vernetzung und politische Polarisierung verändern die Bedingungen, unter denen Wirklichkeit wahrgenommen und beurteilt wird. Information erscheint unmittelbar, ist aber häufig bereits gefiltert, ausgewählt, kontextualisiert, algorithmisch vermittelt und interpretiert.

Woher wissen wir, was wir zu wissen glauben?

Historische Quellenkritik ist deshalb nicht nur eine Methode für die Vergangenheit. Sie ist eine Fähigkeit für die Gegenwart. Auch heute muss unterschieden werden zwischen

  • BeobachtungundBehauptung
  • PrimärinformationundWeitergabe
  • NachrichtundKommentar
  • TatsacheundGerücht
  • QuelleundInterpretation
  • InformationundManipulation

Gerade im Zeitalter künstlicher Intelligenz gewinnt diese Unterscheidung neue Bedeutung. KI kann Informationen nicht nur schneller zugänglich machen. Sie kann auch Texte erzeugen, Zusammenhänge plausibel erscheinen lassen und Interpretationen formulieren, deren Quellenlage zunächst unsichtbar bleibt. Damit stellt sich eine alte Frage unter neuen Bedingungen: Wie bleibt der Mensch urteilsfähig?

Person, Wahrheit, Entscheidung

Hier begegnen sich die historischen und philosophischen Dimensionen der Arbeit. Guardinis Frage nach der Person und die diplomatiegeschichtliche Frage nach Wahrnehmung, Information und Entscheidung führen zu einem gemeinsamen Problem: Wie kann der Mensch in einer unübersichtlichen Welt Wirklichkeit erkennen, verantwortlich urteilen und frei handeln?

Die Geschichte liefert dafür keine einfachen Rezepte. Aber sie zeigt, wie Menschen unter Unsicherheit handeln mussten, und wie folgenreich es sein kann, wenn Wahrnehmung, Information und Urteil auseinanderfallen.

Vom 19. ins 21. Jahrhundert

Die Forschung folgt einer Entwicklungslinie: von der Depesche zur digitalen Gegenwart.

  1. 19. Jahrhundert

    Diplomatie

    Europäische Bündnissysteme, diplomatische Berichte und politische Informationswege

  2. 20. Jahrhundert

    Krise der Moderne

    Romano Guardinis Analyse der Gegenwart und das Ende der Neuzeit

  3. Rezeption

    Person und Entscheidung

    Person, Freiheit, Verantwortung und Entscheidung bei Guardini und in der Guardini-Forschung

  4. 21. Jahrhundert

    Mediale Wirklichkeit

    Digitalisierung, KI, algorithmisch vermittelte Information und neue Polarisierung

Wie kann der Mensch Wirklichkeit erkennen und verantwortlich entscheiden, wenn seine Gegenwart zunehmend durch konkurrierende Informationen und Deutungen vermittelt wird?

Seit 2015

Philosophie der Neuen Zeit

Neuzeit
Neuzeitliche Daseinsdeutung und ihre philosophischen Voraussetzungen
Gegenwart
Das Verhältnis von Neuzeit und Gegenwart
Personales Zeitalter
Möglichkeit einer Überwindung der neuzeitlichen Daseinsdeutung
Welt- und Menschenbild
Voraussetzungen eines neuen Welt- und Menschenbildes für das 21. Jahrhundert
Tradition
Erneute Einbeziehung der antiken und mittelalterlichen Philosophie
Systematische Perspektive
Verbindung von Anthropologie, Phänomenologie, Metaphysik, Naturphilosophie und Kosmologie

Zentrale Autoren: Romano Guardini, Edith Stein, Martin Heidegger, Aristoteles, Thomas von Aquin.

Aktuelles Forschungsprojekt

„Zeit der Entscheidung. Deutung der Gegenwart im Hinblick auf das 21. Jahrhundert“

Fortlaufend überarbeitetes Forschungsmanuskript zur Deutung von Neuzeit, Gegenwart und neuer Epoche.

Bewusstseinsbegriff
Max Schelers Untersuchung des Verhältnisses von Bewusstsein, Person und menschlicher Wirklichkeit
Phänomenologie des Staates
Entwurf zur phänomenologischen Bestimmung von Staat, Person, Gemeinschaft und personaler Ordnung
Philosophische Anthropologie und Kosmologie
Verbindung von Menschenbild, antiker Kosmologie, Naturphilosophie und Weltverständnis
Weiterentwicklung der antiken Kosmologie
Weiterführung kosmologischer Fragestellungen im Horizont einer zeitgenössischen Naturphilosophie

Forschungsmanuskripte

  • Diplomatie, Politik- und Zeitgeschichte des späten 19. Jahrhunderts
  • Verantwortung, Person und Entscheidung
  • Person, Wahrheit und Welt
  • Wiederanknüpfung an unser antikes Erbe
  • Wahrheitstheorien der Moderne im Kontext eines personalen Wahrheitsverständnisses
  • Simone Weil und Edith Stein. Ein Vergleich
  • Die Anfänge des dialogischen Denkens bei Friedrich Heinrich Jacobi (1743–1819) und Ludwig Feuerbach (1804–1872)
  • John Henry Newman (1801–1890). Zum Verhältnis von Glaube und Vernunft